Lexikon zu Ihrem Laborbefund

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Lexikon zum Laborbefund

Erbliche hämolytische Anämien 

 

Angeborene Membrandefekte 

Hereditäre Sphärozytose (Kugelzellanä­mie)

Bei der Kugelzellanämie findet man eine angebo­rene Anomalie von Membran­struktur­proteinen (Spektrin, Ankyrin, Bande 3) mit er­höhtem Natrium- und Was­sereinstrom in die Erythrozyten.

Der Erb­gang ist autosomal domi­nant, nicht familär bedingte Fälle sind beschrie­ben. Beide Geschlechter sind gleichmäßig be­troffen. Optisch typisch ist die hohe Stirn mit wei­tem  Augenabstand, ein hoher Gaumen und eventuell praetibiale Ulzera. Gallen­steine treten oft schon bei Jugendlichen auf. Klinisch zeigt sich ein schubweiser, krisenhafter und durch körperliche An­strengung, Infekte und Schwan­gerschaf­ten ausgelöster Erythrozytenzerfall mit schwerem Ikterus und Splenomegalie.

Im Blut­aus­strich finden sich zahlreiche Kugel­zellen und Retikulozyten. Die osmotische Resis­tenz der Ery­throzyten ist vermindert. Eine Sple­nektomie ist bei hämolytischen Krisen, zur Pro­phy­laxe aplastischer Krisen oder bei ausge­prägten Gal­lensteinen zu erwägen.

 

Hereditäre Elliptozytose 

Grund dieser sehr seltenen, vererbten hämolyti­schen Anämie ist eine Permeabi­litätssteigerung der Erythrozytenmembran für Natrium, wodurch es zu einer zentralen schlitzförmigen Aufhellung in den Erythro­zyten kommt.

Die Erkrankung ist klinisch meist unauffällig, nur vereinzelt kommt es zu Hämolyse mit Splenomegalie.

 

Hereditäre Akanthozytose 

Einzelne Familien zeigen vererbte „Sta­che­lapfelerythrozyten“ ohne sonstige Anomalien. Manchmal finden sich Sta­chelzellen in Familien mit Abetalipoprotei­nämie, die gleichzeitig eine Hyporeflexie, Ataxie, Nystagmus, Malabsorp­tion und Retinitis pigmentosa aufweisen. Mögli­cherweise sind Stachelzellbildungen durch über­höhtes bei Lebererkrankungen auftre­tendes  Cho­­lesterin bedingt.

 

Hämolytische Anämien bei angeborenen Stoff­wechseldefekten

Erythrozytäre Enzymdefekte

Defekte der Erythrozyten-Enzyme können die Glykolyse oder den Pentosephophatzyklus be­tref­fen. Klinisches Zeichen sind hämolytische Anämien unterschiedlicher Ausprägung. Glu­kose-6-Phosphat-Dehydrogenase- und Pyruvat­kinasemangel sind die häufigsten erythrozytären Enzymdefekte.

Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase (G6PDH)-Mangel

Die  Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase ist ein Schlüsselenzym im Pentosephosphatweg ein; seine Funktion ist der Schutz von Zellstrukturen, u. a. der Zellmembran, vor oxidativen Schäden.

Das codierende G6PDH-Gen ist auf dem X-Chro­mosom lokalisiert und erfolgt X-chromo­so­mal rezessiv, infolgedessen ist fast ausschließ­lich das männliche Geschlecht betroffen. Über 150 verschiedene Mutationen im G6PDH-Gen sind mit einer G6PDH-Defizienz assoziiert.

In Deutschland sind weniger als ein Prozent von einem derartigen Mangel betroffen, in einigen Ländern des Mittelmeerraums, Afrikas und Asi­ens, vergleichbar dem Verbreitungsraum der Tha­­lassämien und Hämoglobinanomalien (durch die oxidativen Schäden wird die intra­erythrozy­tä­re Vermehrung beeinträchtigt), sind bis zu 30 % der Bevölkerung betroffen. Weltweit sind über 200 Millionen Menschen in unterschiedli­cher Ausprägung betroffen.

Werden Erythrozyten betroffener Patienten mit ei­nem solchen Glukose-6-Phosphat-Dehydro­ge­nasemangel oxidativ wirkenden Substanzen (Nah­­rung, Medikamente, Chemikalien) zuge­führt, kann es zur unterschiedlich ausgeprägter Hämolyse kommen. In Abhängigkeit von der je­weiligen Mutationsvariante des Patienten kön­nen die Symptome von völliger Beschwerdefrei­heit, einer krisenhaften hämolytischen Anämie bis zur chro­nischen hämolytischen Anämie mit zusätz­li­chen hämolytischen Krisen reichen.

Der Favismus (von lateinisch: faba = Bohne, ) eine in den Mittelmeerländern relativ häufige Va­riante (Mutation 563C>T im Exon 6), ist eine Form des G6PDH-Mangels, bei dem die hämo­lytischen Krisen vor allem durch den Genuss von Saubohnen, Arzneimitteln wie Sul­fonamiden, Chloroquin oder Acetyl­salicylsäure oder Infekti­onen ausgelöst werden. Labormäßig findet man bei Betroffenen Hämo­lysezeichen (Haptoglobin vermindert, LDH und Retiku­lozyten erhöht, im Ausstrich können Heinz-Körper nachgewiesen werden. Die Diag­nose gelingt meist durch durch Nachweis einer verminderten Aktivität der G6PDH in den Erythrozyten .

Pyruvatkinase-Mangel

Die Pyruvatkinase (PK) ist eine Schlüsselenzym der Glykolyse; für den Erythrozyten ist sie es­sentiell, da Erythrozyten auf diesen Stoffwech­sel­­weg zur Bereitstellung von ATP angewiesen sind. Folge der eingeschränkten ATP-Gewin­nung ist eine verminderte Membranstabilität der Erythrozyten. Die Vererbung ist autosomal re­zessiv. Ca. 200 verschiedene Mutationen des PKLR (Pyruvate Kinase, Liver and RBC)-Gens (1q22) sind für den Defekt verantwortlich. Die Prävalenz beträgt in der europäischen Bevölke­rung ca. 1:20.000. Die Ausprägung der Erkran­kung kann wie beim G6PDH-Mangel sehr varia­bel sein. Heterozygote sind klinisch gesund. Pa­thophysiologisch findet sich eine gestörte ATP-Bereitstellung in Erythrozyten. Der Verlauf der Erkrankung wird durch die hämolytische Anä­mie und ihren Folgeerscheinungen wie Biliru­bin­gallensteine und und Eisenüberladung be­stimmt.

Labormäßig finden sich neben den Hämolyse­zeichen (Haptoglobin vermindert, LDH und Re­tikulozyten erhöht) im peripheren Blutausstrich typisch geformte Erythrozyten, die sog. Akan­tho­zyten (Stachelzellen), die jedoch auch bei an­deren Erkrankungen beobachtet werden können, und meist weitere makrozytäre bis me­galozytäre Veränderungen. Die Diagnose gelingt durch den Nachweis der verminderten Enzym­konzentration in den Erythrozyten.

Glutathionreduktase- und Glutathionsynthe­tase-Mangel

Entsprechende klinische Symptome wie beim G6PDH und PK-Mangel zeigen sich bei Störun­gen anderer Erythrozytenenzyme wie bei Glu­tathionreduktase- und Glutathionsynthetaseman­gel. Erkrankungen sind extrem selten. Ein Nachweis ist nur in Speziallaboratorien möglich.


Dr. Stephan Schauseil et. al., Medizinische Laboratorien Düsseldorf


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