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Lexikon zum Laborbefund

Antigene des ABO-, Rhesus- und Kell-Sys­tems, Sekretoren (Lewis-System)

Die drei Gene des ABO-Systems kombi­nieren sich zu den sechs Genotypen AA, BB, 00, AB, A0, B0, wobei zusätzlich zwi­schen A1 und A2 unterschieden werden kann. 0 ist jedoch ein stummes Gen und bewirkt an der Ery­thro­zy­ten­­membran kein nachweisbares immu­no­lo­gisches Genprodukt. Da­bei sind A und B do­mi­nant über 0, zwischen A und B wird Ko­dominanz beo­bachtet. Somit las­sen sich phä­no­typisch nur die vier Grup­pen 0 (44 %), A (45 %), B (8 %) und AB (3 %) nachwei­sen, wobei zwischen AA und A0 so­wie BB und B0 nicht unterschieden wer­den kann.

Die Antigene des Rhesus-Systems wer­den mit C, c, D, d, E, e bezeichnet. „d“ bewirkt ähnlich wie 0 kein nachweisbares Genprodukt. Eine Unterscheidung zwi­schen DD und Dd ist so­mit nicht möglich. Jeweils eines dieser Merk­male wird im Rhesus-Blutgruppensystem ver­erbt. Blut, das Erythrozyten mit Antigen „D“ enthält, wird als Rhesus-positiv (85 %) be­zeich­net; Blut dessen Erythrozyten die D-Eigen­schaft fehlt („d") als Rhesus-negativ (15 %). „D“ hat die größte antigene Wirksam­keit für eine D-negative Person. Träger sehr schwacher D-Eigenschaft werden als D-weak bezeichnet und gelten als Rh po­­sitiv (D-weak positiv).  Gründe für ein D-weak können eine Reduktion der Antigenanzahl auf der Erythro­zy­ten­ober­fläche, der Austausch ein­zelner Aminosäuren oder das Fehlen einzel­ner Epi­tope im extrazellulären Anteil des D-Proteins sein; alle Fälle haben ein unterschiedli­ches Ri­siko für eine Anti-D-Immunisierung.

  Mit freundlicher Genehmigung  der Fa. Bio-Rad Laboratories

Als weitere Untergruppierung der ver­schiede­nen Blutgruppensysteme ist der sog. Sekretor Status bekannt, früher ins­besondere in krimi­naltechni­scher Hinsicht. Sekretoren sind Per­sonen, die ihre ABO-Blutgruppen-Antigene nicht nur auf ih­ren Blutzellen tragen, sondern auch in ande­ren Körperflüssigkeiten wie Spei­chel, Schleim usw. ausscheiden.

Etwa 80% der Bevölkerung sind Sekreto­ren. Die restlichen 20% tragen die Blut­gruppen-Antigene nur auf ihren Blutzellen und werden deshalb Nicht-Sekretoren ge­nannt. Die Zuge­hörigkeit zur Blutgruppe A, B, 0 oder AB ist unabhängig von ihrem Sekretorenstatus.

Ein anderes Blutgruppensystem, das Le­wis-Sys­tem, interferiert mit diesem Sekre­torensta­tus. Sekretoren wandeln den überwiegenden Anteil ihrer Le(a) Sub­stanz in Le (b) Substanz um, so­dass prak­tisch keine Le(a) Substanz mehr nach­weisbar ist. Personen, die nach dem AB0-Blut­gruppensystem Sekretoren sind, sind daher in diesem System Le(a-b+). Soge­nannte Nicht-Se­kretoren scheiden nach dem AB0-System kei­ne Blutgruppenanti­gene aus; sie sind im Le­wis-System Le(a+b-).

Bei Personen, die Le(a-b-) sind, fehlt das Le-Gen komplett und es werden über­haupt keine Lewis-Substanzen gebildet; die Zuordnung zum Sekretorstatus ist nicht möglich. Das Verhältnis zwischen Sekretoren und Nicht-Sekretoren in dieser Gruppe ist ca. 4:1.

Im Kell-System unterscheidet man zwi­schen der “K"-Eigenschaft (Kell) und der “k"-Eigen­schaft (cellano) der Erythrozy­ten; in Mitteleu­ropa sind 91,0 % Kell-nega­tiv (kk), 8,8 % (Kk) bzw. 0,2 % Kell-positiv (KK).

Weitere Blutgruppen bzw. -systeme sind:

Duffy, Kidd, Lutheran, MNS und P. Sie kön­nen insbe­sondere bei Transfusionen von Be­deutung sein.

Die Antigene A und B kommen nicht nur auf Erythrozyten, sondern auch auf Darm­bakterien vor (heterophile Antigene). So führt die Besie­delung der Darmflora im ersten Lebensjahr zur Bildung von Anti­körpern (Isoagglutinine Anti-A und Anti-B, „natürliche“ Antikörper der IgM-Klasse), wenn die eigenen Erythrozyten diese Anti­gene nicht tragen. Daher weist - mit Aus­nahme der Neugeborenen und manchmal alten Menschen und Immunsupprimierten - je­der Mensch Antikörper gegen die AB0-Anti­gene auf, die er nicht selbst besitzt. Daher werden diese Antikörper auch als „re­guläre Antikörper“ be­zeichnet.

In der Regel jedoch unterbleibt die Pro­duktion eines Antikörpers, der gegen ein körpereigenes Antigen gerichtet ist.  Sog. „irreguläre Anti­kör­per entstehen ent­weder bei nicht kompa­tiblen Bluttransfusi­onen, im Rahmen von Schwanger­schaften oder selten aus nicht zu er­klärenden Ur­sachen (Kontakt mit Mikroorga­nismen).

Im Rhesus-System sind keine Isoaggluti­nine nachweisbar. Antikörper des Rhe­sussystems sind fast immer Immunanti­körper. Rh-ähn­li­che Sub­­stanzen sind in der Natur bisher nicht nach­­ge­wiesen. Anti-Kell ist der häufigste Im­munan­ti­körper ge­gen Erythrozyten außer­halb des ABO- und Rhesus-Systems.

Probleme mit irregulären Antikörpern tre­ten bei Transfusionen (alle oben genannten) und als Erythroblastosis fetalis oder Morbus hae­mo­ly­ti­cus neonatorum – über­wiegend aus dem Rhe­sus- und Kell-System - bei Schwan­ger­schaften auf.

Transfusionen: In Deutschland ist es gesetz­lich vorgeschrieben, dass vor einer Trans­fu­sion von Erythrozytenkonzentraten grundsätz­lich die große Kreuzprobe und der Antikörper­suchtest (ausgenommen der letzte Test liegt bis zu drei Tagen zurück) durchgeführt werden müssen. In akuten Notfallsituationen (Poly­trauma, OP) ist das Unterlassen einer Kreuz­probe unter Verwendung von 0-Rh-negativen Spenderblut zulässig.

Schwangerschaft: Die Bestimmung des Rhe­sus­­faktors ist insbesondere für Schwangere wich­tig und gehört daher zu den ge­setzlich vor­­­ge­schrie­benen La­boruntersuchungen. Bei Schwan­ger­schaften kann sich folgende un­güns­tige Kons­tellation erge­ben: Die Mutter ist Rh-negativ (dd) und der Vater ist Rh-positiv (DD oder Dd).

Reinerbig Rh-positive (DD) Väter vererben das Rhesus-Antigen D in jedem Fall, der Fetus wird ebenfalls Rh-positiv sein. Bei gemisch­t­erbigen Rh-positiven Vätern (Dd) ist das Kind zu 50% Rh-positiv und zu 50 % Rh-negativ.

Besonders während der Geburt, aber auch im Zu­ge einer Fehlgeburt oder eines Schwanger­schafts­abbruchs gelangt eine größere Menge kind­­liches Blut (während der Geburt über die Wund­fläche Pla­centa/Uterus) in den Kreislauf der Mutter. Von der Mutter gebildete Anti­kör­per (Anti-D) zerstören die eingedrungenen Ery­thro­zyten des Kin­des.

Die ebenfalls gebildeten Ge­dächtnis­zel­len sor­gen dann bei der nächsten Schwanger­schaft da­für, dass sehr schnell Antikörper gegen das Blut des zweiten Kin­des gebildet werden. Durch die Gabe einer Anti-D-Prophylaxe wäh­rend der Schwanger­schaft (28. Wo­che) und in­nerhalb von 72 Stunden nach der Geburt kann bei Rh-ne­gati­ven Schwangeren die Bildung von Anti-D bei der Mutter verhindert werden. Rh-negative Mütter mit Dweak beim Kind be­nötigen eben­falls eine Prophylaxe. Seltenere müt­terliche Antikörper sind Anti-E, e, C und c im Rhesus-System sowie Anti-Kell, bei denen allerdings eine Anti­körper­prophylaxe nicht möglich ist.


Dr. Stephan Schauseil et. al., Medizinische Laboratorien Düsseldorf


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